Kondolenzbuch

Dr. Ottmar Premstaller

verstorben am 18. März 2018 in Linz

Neuen Eintrag schreiben

Mo, 23. April 2018 | Dr.Tillfried Cernajsek

Meine Begegnungen mit Ottmar Premstaller – Erinnerungen

Der Name Premstaller war seit meiner Kindheit ein Begriff.
Unsere Familie lebte von 1945 bis 1956 nachkriegsbedingt in Aschach an der Donau, Oberösterreich. Die Wohnumstände damals waren für heutige Verhältnisse sehr gering. Drei Zimmer im 2. Stock eines alten historischen Hauses, es war das Obere Färberhaus von Aschach, ohne Fließwasser und WC. Wasser und Brennmaterial mussten zwei Stockwerke hinaufgetragen werden. Das größte Zimmer war das Wohnzimmer und Elternschlafzimmer gleichzeitig. Die Küche war getrennt von einem Kasten, der ein Vorzimmer bildete und meine Schwester und ich schliefen hier in Stockbetten. Das dritte und kleinste Zimmer war die Werkstätte meines Vaters, in welchem auch noch ein Gästebett auf einem Podium eingerichtet werden konnte. In diesem Raum machten wir unsere Aufgaben und wärmten uns im Winter am Koksofen. Die Küche war am Abend meist schon kalt.
Das war die Welt unserer Kindheit. In der vorweihnachtlichen Zeit zwängte mein Vater Fritz Cernajsek, auch ein Maler und Graphiker, Reißbretter in seine Staffeleien, auf welchen die damals sehr zahlreich eintreffenden Weihnachts- und Neujahrsgrüße mit Reißnägeln befestigt wurden. Sobald ich lesen und schreiben konnte, studierte ich alle diese kleinen hübsch bebilderten Blättchen. Das war die Welt unserer Kindheit, die von den Weihnachtsblättern vieler befreundeter Künstler „illustriert“ worden war. Darunter neben Max Kislinger und vielen anderen auch Ottmar Premstaller. Seine Blätter enthielten immer wieder auch kleine Gedichte seiner Frau Christine, die er später selbst mit seinen eigenen Lettern setzte und druckte. Diese kleine bescheidene Welt endete im Jahre 1956 durch die Rückübersiedlung nach Wien, welches meine Eltern im Zuge der Kriegsereignisse 1944/1945 verlassen mussten. Da mein Vater in Wien neben der Wohnung im 7. Bezirk, Wien-Neubau auch ein Atelier ein Atelier im 3. Bezirk, Wien-Erdberg hatte, bekamen wir Weihnachts – und Neujahrsgrüße kaum mehr zu Gesicht. Nur der Name Premstaller und viele andere Namen sind bei Gesprächen zwischen meinen Eltern immer wieder gefallen. Eine weitere Begegnung mit Ottmar Premstaller war der 7. Internationale Exlibris-Kongress 1960 in Wien – ich war gerade 17 Jahre alt - der an der Österreichischen Nationalbibliothek im alten Vortragssaal stattgefunden hatte. Hier wurde ich von meinem Vater einzelnen mir namentlich schon bekannten österreichischen Exlibrissammlern vorgestellt. Ob ich damals Ottmar Premstaller bewusst gegenüber stand, kann ich nicht mehr bestätigen. Es waren dort so viele Menschen im alten Vortragssaal versammelt und es herrschte eine für mich bis dahin noch nicht gekannte Geschäftigkeit. Auch mein Vater war davon sehr beeindruckt und sprach noch viele Jahre danach von diesem Ereignis. Den Entschluss selber Exlibris zu sammeln fasste ich erst später, nachdem mein Vater aus Dänemark 1962 von einer Stipendiatsreise zurück kehrte und von dänischen Exlibrissammlern erzählte.
Dann war es still geworden um den Namen Premstaller, zumindest aus meiner Sicht. Studium, Beruf und später die Familiengründung ließen eine Beschäftigung mit dem Exlibris nur wenig zu und damals war es für mich nicht möglich, Kontakt zur Österreichischen Exlibris-Gesellschaft aufzunehmen. Mein Vater war nicht mehr Mitglied der ÖEG. Warum, weiß ich nicht.
Ich verdanke nur dem reinen Zufall und meiner Neugier, den Zugang zur Österreichischen Exlibris-Gesellschaft. Ich war schon Leiter der Bibliothek der Geologischen Bundesanstalt und hatte daher Zugang zu allen Eingängen in diese sehr große Fachbibliothek. Zufällig fiel mir ein Verzeichnis des Verbandes der Wissenschaftlichen Gesellschaften Österreichs für das Jahr 1983 in die Hand. Ich blätterte darin und was fand ich? Die Anschrift und Telefonnummer der Österreichischen Exlibris-Gesellschaft, dessen Sekretariat damals in den Händen des Ehepaares Slattner stand. Ich griff zum Telefon und meinem Beitritt standen keine Hindernisse mehr im Weg. Noch im gleichen Jahr fuhr ich zu einer Tagung der Gesellschaft nach Linz und traf dort Dr. Ottmar Premstaller, der natürlich meinen Familiennamen gut kannte. Fast den halben Tag sprachen wir miteinander über das Thema Exlibris. Ottmar gab mir eine Einführung in alle Facetten dieses kleinen Blättchens und machte mich den Tauschmodalitäten bekannt. Auch war das Thema Exlibris als wirkliche Gebrauchsgraphik im Gespräch. Ottmar erzählte, dass er seine Bücher noch mit Exlibris kennzeichnete. Aber er wies mich darauf hin, dass sich die Einstellung der Sammler stark gewandelt hatte. Anfangs konnte ich das gar nicht so richtig glauben, dass diese kleine Bücherbesitzzeichen, sicherlich kleine Kunstwerke, nur mehr Tauschobjekte eines elitären Interessentenkreises geworden sind. Das war für mich die bedeutendste Begegnung mit Dr. Ottmar Premstaller. Seit dem ersten bewussten Zusammentreffen mit Ottmar in Linz 1983 ist der Kontakt nur wenig unterbrochen worden. Ich erinnere mich gerne an seine Berichte bei kleinen Treffen unserer Gesellschaft z.B. in Krems. Das „Kremser Treffen“ war bei den Sammlern und solchen die es werden wollten sehr beliebt. Ottmar berichtete über seine Fahrten ins Ausland, zu Veranstaltungen der Nachbargesellschaften. Ja er eröffnete den Weg dorthin und machte Mut, sich in solche Veranstaltungen auch einzubringen. Insbesondere machte er Appetit darauf, Exlibris – eigene oder Dubletten – zu tauschen. Insbesondere riet er zur Teilnahme an den Internationalen Exlibris–Kongressen.
Er half auch, wenn man eine Unterstützung brauchte. Ich wurde vom Stadtmuseum Korneuburg eingeladen, doch eine Exlibris-Ausstellung dort zu wagen. Ich war ratlos, meine Sammlung war damals zu klein und ich wusste überhaupt nicht, wie man so etwas macht. Otmar schickte mir 20 Tafeln per Post und eine Ausstellung mit einigen Zutaten von mir stand auf festen Füßen. Kurz darauf trat das Stadtmuseum Stockerau an mich heran. Da hatte ich schon genügend Erfahrung, um eine Ausstellung zu machen. Viele Abende war ich damit beschäftigt, die Blätter in farbige Passepartouts zu legen. Es war das erste und letzte Mal, dass ich mir das in solcher aufwendigen Weise antat. Und als erster Besucher bei der Eröffnung stand Ottmar wieder da, der meine Arbeit begeistert lobte.
Ottmar hatte aber noch andere Eigenschaften. Er war nicht nur Sammler, sondern auch selbst Exlibris-Künstler. Seine Arbeiten waren tatsächlich Gebrauchsgraphik und lohnten sich in Bücher zu kleben. Dazu ein Zitat aus Peter Labuhn über Ottmar Premstallers Einstellung zum Exlibris, 2009: „Für mich ist es selbstverständlich, dass das Exlibris eine Gebrauchsgraphik ist und seine Daseinsberechtigung aus seiner Verwendung als Bucheignerzeichen bezieht. Es soll vor allem im Buch verwendet werden (oder dazu geeignet sein) und der Identifikation des Buchbesitzers dienen. Aber es kann natürlich künstlerisch gestaltet und wie letztlich alles andere gesammelt werden – als Auch – Exlibrissammler akzeptiere ich das natürlich gerne.“
Er entwickelte auch den so genannten Plastikstich, nichts anderes als ein Stück Plastikboden, der durch die geschickte Hand des Künstlers zum Druckstock wurde. 1993 wollte mir Ottmar ein Blatt machen. So war er. Für jeden, der ihm als Sammler bekannt war, machte er ein kleines Blättchen. Wir würden sagen eher eine Buchmarke. Ich bat ihn, doch ein Blatt für meine Frau zu machen. Sie war Kindergärtnerin und flugs hatte er ein Blatt fertig „Ein Kindergartenbuch von Helfriede Cernajsek“, welches eine alte Ansicht unseres Heimatortes Perchtoldsdorf zeigt. Die Kolleginnen meiner Frau wussten damit nichts anzufangen, aber meine Frau konnte ihren umfangreichen Bücherbestand mit diesem Blatt kennzeichnen. Damit wurde Verlusten und auch Streit um Bücher vorgebeugt. Wenn wir die vielen, vielen Blätter von Ottmar ansehen, dann glaubt man, eine Liste der zeitgenössischen Sammler und Künstler vor sich zu haben. Und auch mir machte Ottmar ganz überraschend ein Blatt anlässlich meiner Ausstellung „Der Elefant im Exlibris“ für das Schrift – und Heimatmuseum „Bartlhaus“ in Pettenbach. Dieses kleine Blättchen war nicht nur eine Überraschung für mich sondern sah ich auch als Anerkennung meiner Arbeit als „Ausstellungsmacher“ an.
Eine Besondere Begegnung mit Ottmar war ein Besuch mit meiner Frau in hier in St. Georgen, was schon lange her ist. Er zeigte uns alles, was zu seiner Welt gehörte. Er begann mit seinem damals schon beendeten Beruf „Tierarzt“. Ottmar war als solcher noch im Stall bei Kühen und Pferden als Impfarzt, Geburtshelfer oder Seuchenbekämpfer tätig. Dieses Bild des Tierarztes hat sich seither stark gewandelt. Im Haus führte er uns zu seiner Sammlung. Diese hat mich sehr beeindruckt. Eine Sammlung, die in mit selbst hergestellten Buntpapieren beklebten Schachteln – es sind etwa 500 Stück – und selbst gefertigten Mappen untergebracht war. Sie ließen seine innigste Liebe zu seinem Sammlermetier erkennen. Dann seine Druckwerkstatt. Er hatte Lettern aus einer aufgelassenen Druckerei und sogar eine Tiegeldruckmaschine, die er bedienen konnte. Das war das Handwerkzeug zu seiner „St. Georgs-Presse“, deren bibliophilen Einzelausgaben er von A bis Z selbst herstellte. Das eine oder andere Blockbuch war zeitgenössischen Exlibriskünstlern gewidmet.
Wer wollte, konnte Ottmar überall treffen, wo mit Exlibris gearbeitet wurde. So war er der erste Kurator des Exlibriskabinetts im Schrift – und Heimatmuseum „Bartlhaus“. Die Ausstellungen waren in liebevoller Kleinarbeit vorbereitet worden und zu den Eröffnungen konnte man Ottmar antreffen und sich die Ausstellung erläutern lassen. Mag sein, dass ihn die Liebe zur künstlerischen Schriftgestaltung auch zu diesem kleinen Museum anzogen, welches sein Freund und Exlibriskünstler Leopold Feichtinger Anfang der 90-er-Jahre des vorigen Jahrhunderts ins Leben gerufen hat.
Zu einem Höhepunkt aller Begegnungen mit Ottmar war der Internationale Exlibris-Kongress in Wels 2004. Diesen richtete er in einer fast spielerischen Handfertigkeit aus. Wir jüngeren standen natürlich ihm zur Seite. Heinrich Scheffer mit seiner Ausstellung, die er stolz dem damaligen Landeshauptmann Pühringer präsentierte und wir jüngeren besetzten das Tagungsbüro, was zur Folge hatte, dass wir wenig zum Tausch kamen.
Meine letzte Begegnung mit Ottmar hatte den Zweck mit ihm die Sonderveröffentlichung über Otto Feil, einem wiener Exlibris-Künstler, gemeinsam mit Heinrich Scheffer zu besprechen. Wir verbrachten mit ihm einen schönen Tag in seinem Haus, machten einen kleinen Spaziergang durch St. Georgen und aßen zu Mittag mit ihm im alten Markt Mauthausen an der Donau. Es sollte für mich meine letzte Begegnung mit Ottmar sein. Daran dachte ich damals nicht. Ottmar war schon sehr müde geworden.
Als Reaktion auf die Verbreitung des Ablebens von Dr. Ottmar Premstaller, erhielt ich einige Briefe, in welchem der Schreiber/die Schreiberin von ihren Begegnungen mit Ottmar berichten. Er war ein freundlicher Herr, gab jedem die Hand und beschenkte den Gesprächspartner mit Exlibris mit seinem Namen oder mit Blättern aus seiner eigenen Werkstätte.
Nun stehen wir hier und verabschieden uns vom Menschen Ottmar Premstaller, der für uns Exlibrisliebhaber viel bedeutet hatte. Er war eine Integrationsfigur, für die wir so schnell keinen Ersatz haben und finden werden. Heinrich Scheffer schrieb in seinem Nachruf auf Ottmar:
„Es ist in tiefer Trauer hinzunehmen, dass ein wichtiger Künstler, Sammler, Tauschpartner, Organisator aber vor allem ein lieber und liebenswerter Mensch von uns gegangen ist.
Er hatte die Exlibris-Bewegung in Österreich und für Österreich im Ausland verkörpert und lässt eine Lücke zurück, die nicht zu schließen sein wird.
Es gibt keine Persönlichkeit innerhalb der Exlibris-Bewegung, aber auch außerhalb unserer Grenzen, die sich so allumfassend, intensiv und vor allem mit Herz mit dem Exlibris beschäftigt und identifiziert hatte, als Dr. Ottmar Premstaller.“
Zum Abschluss bleibt mir nur mehr die ehrenvolle Aufgabe die aufrichtige Anteilnahme der Österreichischen Exlibris-Gesellschaft, der Deutschen Exlibris-Gesellschaft und viele anderer ausländischen Exlibris-Gesellschaften hier der trauernden Familie zum Ausdruck zu bringen und mein Gedenken mit einem Gedanken von Ottmars Frau Christine zu beenden:

Wenn der Mensch zurückkehrt zur Erde
Sein Geist aber in die Arme des Schöpfers flieht
Vollendet sich seine Unsterblichkeit.

Danke Ottmar, dass wir Dich als Freund, Sammler, Künstler, Drucker, Ausstellungsmacher, Verleger, Berater, Gesprächspartner und als freundlichen und liebenswerten Menschen begegnen durften. Danke!

Kupferdesign Prammer